{"id":1059,"date":"2013-12-29T13:02:29","date_gmt":"2013-12-29T11:02:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=1059"},"modified":"2013-12-29T13:02:29","modified_gmt":"2013-12-29T11:02:29","slug":"wie-halme-im-wind","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=1059","title":{"rendered":"Wie Halme im Wind"},"content":{"rendered":"<p>Ganz sch\u00f6n blutr\u00fcnstig. Erst verletzt sich der kleine Junge im Boot am Fjord das Bein. Mama sperrt ihn ein, weil er verbotenerma\u00dfen von zu Hause weggelaufen ist, und als er die Scheibe der versperrten T\u00fcr einschl\u00e4gt, muss gar der Notarzt die Wunde an seiner Hand versorgen.<\/p>\n<section>Ganz sch\u00f6n spannend. Der kleine Junge hat Angst, weil er nicht wei\u00df, ob er nach seinem Sturz wieder aufstehen und das Boot verlassen kann. Und ein unheimlicher, furchtbar dicker alter Mann mit ziemlich schlechten Z\u00e4hnen nimmt ihn und seine Schwester mit nach Hause &#8221; was stellt er da mit ihm an?<\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n poetisch. Da wogen die Wellen in der Waschsch\u00fcssel, und das Pl\u00e4tschern im Fjord wird zur st\u00fcrmischen Flut auf der Videowand. Da tanzen die St\u00fchle &#8221; und erst recht tanzt die Natur, wenn Hannah Biedermann mit der Digitalkamera wirbelt. Und wie sanft ber\u00fchrt es uns, wenn der Vierj\u00e4hrige erkennt, dass er der gro\u00dfe Bruder ist &#8221; oder wenn er sich an seine dreij\u00e4hrige Schwester kuschelt und sp\u00fcrt, wie sie ihm Halt und Schutz bietet.<\/p>\n<p>Poesie, Video- und Klangkunst, Choreografie und Schauspiel &#8221; und vor allem viel, viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen in die Seelen eines Vierj\u00e4hrigen und einer Dreij\u00e4hrigen zeichnen die Inszenierung aus, f\u00fcr die Regisseur und Theaterleiter Claus Overkamp vom Theater Marabu in Bonn soeben eine Nominierung f\u00fcr den wichtigsten deutschen Theaterpreis, den FAUST 2013, einheimste. Eine Kindergeschichte von Jon Fosse, von diesem Meister der Lakonie, diesem Hohepriester der Kommunikationslosigkeit? &#8221; Das schien eigentlich kaum vorstellbar. Doch <em>Schwester<\/em> ist ein wunderbarer kleiner Text, der im Jahre 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Er spielt wie so viele Fosse-St\u00fccke an einem Fjord &#8221; viele zeltartige Leinwandsegel m\u00f6gen in Overkamps Inszenierung auf abstrakte Weise die den Fjord umgebenden Berge symbolisieren, sie sind aber auch eine wunderbare Kulisse f\u00fcr kleine Versteckspiele, die die jungen Zuschauer erfreuen, und dienen als Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr Videobilder. Und wie die \u201cErwachsenen-St\u00fccke\u201c Fosses spielt <em>Schwester<\/em> vor allem mit dem, was sich in den K\u00f6pfen der Protagonisten abspielt. Vieles wird assoziativ dargestellt, mit Bildern und poetischen Beschreibungen aus der Sicht des Kindes, das die Welt ganz anders wahrnimmt als seine Eltern.<\/p>\n<p>Aus Erwachsenensicht passiert eigentlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein vierj\u00e4hriger Junge geht im Schlafanzug allein zum Fjord. Dort rauscht das Meer; die Grashalme schwingen hin und her. Ein alter Mann mit einer kranken Frau nimmt ihn und seine dreij\u00e4hrige Schwester mit und spendiert ihnen ein Eis. Die Mama ist b\u00f6se und bestraft den Jungen, weil er fortgelaufen ist. Die Schwester kuschelt sich an seinen R\u00fccken, und er empfindet zum ersten Mal: Er ist der gro\u00dfe Bruder. Er ist stolz darauf &#8221; und gleichzeitig sp\u00fcrt man in Overkamps Inszenierung, dass diese Erkenntnis f\u00fcr den Jungen auch erstmals eine Konfrontation mit der \u201cLast der Verantwortung\u201c bedeutet. Am n\u00e4chsten Morgen will er wieder zum Boot. Er rutscht aus und verletzt sich. Er wird eingesperrt und verletzt sich erneut beim Ausbruchsversuch. Sp\u00e4ter h\u00f6rt er, wie seine Mutter Dumme-Jungen-Geschichten und Anekdoten erz\u00e4hlt aus der Zeit, in der er noch klein war (also zwei und noch nicht vier wie heute). Er f\u00fchlt sich besch\u00e4mt &#8221; und allein. Er wird immer allein sein, denkt er. Doch dann schaut er hin\u00fcber zu seiner kleinen Schwester. Er sp\u00fcrt ihren Atem, der hin- und herwogt wie die Grashalme im Wind. Er legt den Kopf an ihre Schulter, und sie legt den Arm um seinen Bauch. Er wird niemals ganz allein sein, denkt der Junge.<\/p>\n<p>Die Poesie, die \u00fcber dieser Schluss-Szene liegt, zeichnet die gesamte, in ihren Theatermitteln ungeheuer kreative Auff\u00fchrung aus. Aber sie ersch\u00f6pft sich nicht nur in Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonie. Die \u00c3\u0192\u00e2\u20ac\u017engste, die die Kinder empfinden, die Gefahren, denen sie sich aussetzen, werden ebenfalls mit poetischen Mitteln dargestellt &#8221; auf eine Weise, dass die Kinder sie vermutlich intuitiv ersp\u00fcren, ohne selbst Angst zu bekommen, w\u00e4hrend die Erwachsenen die Doppelb\u00f6digkeit mancher Situationen erkennen: Der alte Mann mit seinem unheimlich dicken Bauch, der den Kindern ein Eis anbietet, meint es zweifellos gut, aber wenn in Gro\u00dfufnahme das Auge von Hannah Biedermann als faltiges Zyklopenauge oder die Mundh\u00f6hle von Philipp Schlomm mit den schlechten Z\u00e4hnen des alten Mannes auf der Leinwand erscheint, dann empfinden die kleinen Zuschauer vielleicht das Gruseln oder das Gef\u00fchl der Fremdheit, das die beiden Helden der Geschichte packt angesichts der unbekannten, ihnen k\u00f6rperlich so \u00fcberlegen und so riesig erscheinenden Alten \u00c3\u201a\u00c2\u00a0&#8221; die Erwachsenen aber denken unwillk\u00fcrlich an ihre \u00c3\u0192\u00e2\u20ac\u017engste, wenn sie Kinder nachts am einsamen Feldweg wissen, und wenn die Alten die kleine Schwester gutm\u00fctig in den Arm kneifen, so mag das in der Vorstellungswelt der Erwachsenen durchaus etwas \u00dcbergriffiges haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die jungen Zuschauer im Alter von sechs oder sieben Jahren aber, f\u00fcr die die Auff\u00fchrung konzipiert ist, entstehen vor allem Bilder, die sie aus eigenem Erleben kennen: aus der permanenten Diskrepanz zwischen ihrer eigenen Welt und der der Erwachsenen. Die Gefahren, die ihre Eltern ahnen, werden die Kleinen allenfalls marginal wahrnehmen. Sie lachen, wenn Philip Schlomm und Hannah Biedermann zwischen den Leinwandsegeln hin- und herlaufen, und freuen sich \u00fcber das Spiel. Es ist ein gel\u00f6stes Lachen, kein schadenfrohes, kein kampfbereites. Selbst wenn sich die beiden Schauspieler gegenseitig den Schaum aus der Waschsch\u00fcssel ins Gesicht pusten, h\u00e4lt sich die Schadenfreude in Grenzen &#8221; es ist Spiel und Spa\u00df: Diese Auff\u00fchrung ist f\u00fcr die Kinder ein Erholungsprogramm, kein Theater zum Aufmischen. Der hochsympathische Philip Schlomm als Bruder und die sich gro\u00dfartig in die kindliche Seele einf\u00fchlende, mal kokette, mal neugierige, mal ihren Bruder eifers\u00fcchtig machende, mal ihn bewundernde Hannah Biedermann als seine kleine Schwester sind ideale Identifikationsfiguren f\u00fcr die Kinder &#8221; und exzellente Schauspieler sind sie obendrein. Die Inszenierung arbeitet mit allen Mitteln, die auch das avancierte Erwachsenen-Theater kennt: Mit einer Mischung aus Schauspiel und Choreografie, mit Videotechnik, atmosph\u00e4risch perfekt eingesetzter Musik, mit chorischem Sprechen und in einer der herausragenden Szenen einer gro\u00dfartigen Partitur aus Rhythmus, Musik und Sprachmodulation &#8221; grandios! Wer glaubt, eine solche Erz\u00e4hlweise w\u00fcrde einen Sechsj\u00e4hrigen \u00fcberfordern, der frage die Kinder: Sie hatten ausnahmslos Spa\u00df. Und die Erwachsenen staunen, was die Marabus so alles aus einem norwegischen Fjord herausholen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p><strong>Theater pur, Dietmar Zimmermann, 22.09.2013<\/strong><\/p>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz sch\u00f6n blutr\u00fcnstig. Erst verletzt sich der kleine Junge im Boot am Fjord das Bein. Mama sperrt ihn ein, weil er verbotenerma\u00dfen von zu Hause weggelaufen ist, und als er die Scheibe der versperrten T\u00fcr einschl\u00e4gt, muss gar der Notarzt die Wunde an seiner Hand versorgen. Ganz sch\u00f6n spannend. Der kleine Junge hat Angst, weil &hellip; <a href=\"https:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=1059\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Wie Halme im Wind<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":326,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"template-twocolumnsleft.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1059","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1059"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1060,"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1059\/revisions\/1060"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/326"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}