{"id":1712,"date":"2016-05-31T12:24:08","date_gmt":"2016-05-31T10:24:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=1712"},"modified":"2016-05-31T12:24:08","modified_gmt":"2016-05-31T10:24:08","slug":"laudatio-zum-george-tabori-preis-2016","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=1712","title":{"rendered":"Laudatio zum George Tabori-Preis 2016"},"content":{"rendered":"<p>\u201cHerzlich willkommen! Heute geht es um Wesentliches, heute geht es um Euch!\u201c So begr\u00fc\u00dft die Theatermacherin ihr Publikum. \u201cSollte ich nicht eine der jungen Wilden sein, die alles anders machen will?\u201c auch das sagt sie, in \u201cGrimm &amp; Grips\u201c Nummer 25, und weiter: \u201cDie sagt, Schluss mit lustig, jetzt kommen wir: wir krempeln das Kinder- und Jugendtheater \u00e4sthetisch, inhaltlich und kulturpolitisch einmal gr\u00fcndlich um. Alles neu. Alles radikal. Radikal neu!\u201c<\/p>\n<p>Auf den rhetorischen H\u00f6hepunkt dieses Zitats folgt die eigentliche Positionsbestimmung: \u201cUm es gleich vorweg zu nehmen. Das w\u00e4re ich zwar gern, bin es aber nicht. Ich bin ein Kind des Kinder- und Jugendtheaters und begehe auch heute keinen Elternmord.\u201c Trotz aller beruhigenden Bekundungen beschreitet sie keineswegs die Trampelpfade der Tradition von Grimm bis Grips. Mit ihrer Gruppe mischt sie die Szene des Theaters f\u00fcr junges Publikum auf, mit ihren Inszenierungen setzt sie neue Akzente, mit ihren performativen Formaten ist sie permanent auf der Suche, beim Forschen und Ausprobieren, immer mit dem k\u00fcnstlerischen Vorsatz Verwirrung zu schaffen und mit dem Hang zu Ambivalenzen, getreu dem Brechtschen Diktum: \u201cWir stehen selbst entt\u00e4uscht und sehr betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen.\u201c<\/p>\n<p>Bei all den Fragen \u00fcber Form und Inhalt haben sie vor allem das Publikum im Blick. Sie sind ein heterogener Pulk von jungen K\u00fcnstlern, Performern, Musiker, Medienmacher, sie sind bei aller Untersuchung von Gegenwart der Fiktion verpflichtet und sie sind der Wertsch\u00e4tzung w\u00fcrdig. Der F\u00f6rderpreis zum George Tabori-Preis 2016 geht an \u201cpulk fiction\u201c!<br \/>\nHerzlichen Gl\u00fcckwunsch Hannah Biedermann, Norman Grotegut, Eva von Schweinitz, Manuela Nendegger, Matthias Meyer und Sebastian Schlemmiger!<br \/>\nJa, ja, ja, Sie werden sagen, der Laudator ist befangen, ja, ja, ja., das ist er. Als Hochschullehrer erinnere ich mich noch an die Studentin Hannah, die vor lauter Praxis fast ihr Diplom verpasste, ich wei\u00df noch wie der auf der B\u00fchne so eloquente Norman in der m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung verstummte, und erhalte ich eigentlich nicht noch einen Praktikumsbericht von Sebastian?<\/p>\n<p>Und ja, ja, ja, die Truppe ist Mitglied der ASSITEJ &#8221; und das macht den Vorsitzenden stolz! Die Entscheidung, wer nominiert wurde und wer gewinnt, die haben andere getroffen. Ich darf lediglich lobpreisen. Und das geht so:<\/p>\n<p>2007 gr\u00fcndete Hannah Biedermann, die ich eingangs schon zitieren durfte, pulk fiction. Seitdem gibt es sieben Theaterprojekte f\u00fcr Kinder und Jugendliche und zahlreiche Regiearbeiten in unterschiedlicher Konstellation, an unterschiedlichen Orten. Die Liste der Produktionsst\u00e4tten liest sich wie ein \u201cWho is who?\u201c der deutschen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft: Theater Marabu, Bonn; Grips Theater, Berlin; KinderTheaterHaus, Hannover; Junges Staatstheater, Karlsruhe; Theater Strahl, Berlin; Comedia Theater, K\u00f6ln; Junges Theater, Ingolstadt; LOT Braunschweig.<\/p>\n<p>Die Inszenierungen der Gruppe hei\u00dfen \u201cEin St\u00fcck Autokino\u201c \u201cEfraims T\u00f6chter\u201c \u201cDer Rest der Welt\u201c \u201cPapas Arme sind im Boot\u201c \u201cDie Konferenz der wesentlichen Dinge\u201c \u201cGalaktika Silencia\u201c und \u201cAll about Nothing\u201c Premiere am n\u00e4chsten Sonntag am Forum Freies Theater in D\u00fcsseldorf.<\/p>\n<p>Hannah Biedermann gilt sicher als eine der profiliertesten Kindertheatermacherinnen auf dem Gebiet der \u201cMitspielkunst\u201c schrieb zumindest Stefan Fischer-Fels, und pulk fiktion wird von Eckhard Mittelst\u00e4dt in dem von ihm mit herausgegebenen Buch zu den Freien Darstellenden K\u00fcnsten als Performer-Pool f\u00fcr zukunftsweisende Formen und Formate bezeichnet.<\/p>\n<p>Sie haben bereits Preise beim nordrhein-westf\u00e4lischen Festival Westwind erhalten, wurden mit dem F\u00f6rderpreis Musikvermittlung in Niedersachsen ausgezeichnet und waren bei \u201cBest Off\u201c 2016 eine Freies Theater von 6 aus 47. Auf den Kinder- und Jugendtheaterfestivals haben sie rauf und runter gespielt, gestern noch bei \u201cHart am Wind\u201c in Hamburg.<\/p>\n<p>Aber was, bitte sch\u00f6n, macht pulk fiktion so preiswert? Schlie\u00dflich haben sie noch nicht einmal Schauspiel studiert oder Theater oder wenigstens Theaterwissenschaft. Sie kommen aus dem Studiengang \u201cKulturwissenschaften und \u00e4sthetische Praxis\u201c und behaupten ihre Projekte seien Performance. Sie recherchieren mit der Zielgruppe, sie improvisieren in Workshops, sie installieren sich R\u00e4ume. Meistens sind die Zuschauer Zu-Schauspieler, sie sitzen nah dran, gelegentlich auch mittendrin. Sie sind gefragt, im wahrsten Sinne des Wortes, sie sind Ausgangs- und Zielpunkt. Pulk fiktion singt und macht Ger\u00e4usche, schattenspielt und animiert Reifenschl\u00e4uche, und immer wieder mal stehen sie vor Mikrofonen und sprechen aus, mit sich selbst und \u00fcber dies und das.<\/p>\n<p>Sie sind rastlos auf der Suche, hinterfragen Regeln, \u00fcberdenken Normen, reagieren auf Richtlinien. Mal nennen sie es \u201cLecture Performance\u201c \u201cMaking of\u201c und schrecken auch nicht zur\u00fcck vor der theatralen Begrifflichkeit \u201cSt\u00fcck\u201c. Und doch tun sie alles, um es den Herren Stegemann, B\u00f6rgerding &amp; Co zu zeigen, mit ihren postdramatischen Szenarien gegen das etablierte Sprechtheater. Sie machen das aber ganz und gar undogmatisch, sind voller \u00dcberzeugung, dass die allseits gepriesene Schauspielkunst viele Facetten haben kann, eben auch die der Performance, eben auch die des Mitmachtheaters, eben auch die des interaktiven-medialen Zugangs.<\/p>\n<p>Wichtig ist ihnen Substanz, Relevanz und Brisanz, es geht um Kinderarmut, Sexualit\u00e4t, in einer Konferenz, um wesentliche Dinge. Zuschauer k\u00f6nnen live nachvollziehen, welche Theatermittel genutzt und wie aus ihnen illusionsreiche Effekte hervorgebracht werden, die jederzeit wieder zu dekonstruieren sind. Das ist nicht die klassische Hamburgische Dramaturgie, das ist die moderne Hildesheimer \u201cHogwarts-Schule f\u00fcr Performance Hexerei\u201c wie es mehr oder weniger despektierlich im April-Heft des Zentralorgans des Deutschen B\u00fchnenvereins nachzulesen ist.<\/p>\n<p>Interdisziplin\u00e4r und Interkultur sind viel gebrauchte Kampfbegriffe, aber auch sie erschlie\u00dfen den kleinen Kosmos von pulk fiktion. Das junge Publikum kann gnadenlos sein, wenn auf der B\u00fchne nichts wirklich Wichtiges passiert; das macht die Performer bei aller Experimentierfreudigkeit bodenst\u00e4ndig. Hannah Biedermann nennt das ihren Grund, f\u00fcr das Kinder- und Jugendtheater zu arbeiten: \u201cHier kann ich nie selbstverliebtes, abgekapseltes, \u201cKunst f\u00fcr die K\u00fcnstler\u201c-Theater machen, sondern muss mich immer aufs Neue mit neuen Zuschauern und dem, was ich ihnen erz\u00e4hlen will und wie ich es erz\u00e4hlen kann, auseinandersetzen. Und weil Kinder- und Jugendtheater nicht einfach zu verstehen und nicht einfach zu machen ist, bleibt es eine Sache voller Widerspr\u00fcche.\u201c Georges Tabori w\u00fcrde sich sicher \u00fcber diesen Preistr\u00e4ger freuen, ich freue mich auch und die hier versammelten Freunde von Fonds und Darstellende K\u00fcnste wohl ebenso.<\/p>\n<p>Laudatio zum George Tabori-Preis 2016<\/p>\n<p>von Wolfgang Schneider<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cHerzlich willkommen! 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