{"id":340,"date":"2012-05-16T17:57:44","date_gmt":"2012-05-16T15:57:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=340"},"modified":"2012-05-16T18:22:47","modified_gmt":"2012-05-16T16:22:47","slug":"parallelwelten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=340","title":{"rendered":"Parallelwelten"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Kinder sehen anders als Erwachsene. Sehr anders. Sie verstehen andere Dinge und viele Dinge anders. Sie finden andere Dinge wichtig. Genau darum geht es in der Urauff\u00fchrung \u201cSchwester\u201c der Dramatisierung eines Bilderbuches des Erfolgsautors Jon Fosse. Thema sind die unterschiedlichen Erlebniswelten von Kindern und Erwachsenen. Rational, reflektiert, immer nach Ordnungskriterien suchend, gef\u00fchlskontrolliert aber oft angstgesteuert leben Erwachsene. Bei Kindern ist alles eins: Traum, Spiel, Leben. In den besten Momenten der Bonner Auff\u00fchrung rei\u00dft dieser Graben auf &#8221; und wird mit einem L\u00e4cheln \u00fcberbr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ein vierj\u00e4hriger Junge hat einen gewaltigen Drang, die Welt kennen zu lernen. Immer wieder entzieht er sich, quasi unbewusst, der Kontrolle seiner Mutter, die daraufhin seinen Spielraum immer weiter eingrenzt. Als seine Eltern ihn aus Hilflosigkeit im Haus einsperren, ereignet sich die Katastrophe: Bei dem Versuch eine Fensterscheibe einzuschlagen, verletzt der Junge sich. Am Abend danach versucht er geistig seine Erlebnisse zu verarbeiten, f\u00fchlt sich grenzenlos allein und schmiegt sich zum Trost an seine ein Jahr j\u00fcngere Schwester.<br \/>\nClaus Overkamp l\u00e4sst seine beiden Schauspieler weitestgehend in der dritten Person sprechen, gelegentlich auch chorisch. Die Eltern treten nicht auf. Die Beziehung zwischen den Geschwistern vermittelt sich fast ausschlie\u00dflich \u00fcber Mimik und K\u00f6rpersprache. Hannah Biedermann und Philipp Schlomm spielen intensiv und r\u00fcckhaltlos. Mit fast t\u00e4nzerischer Eleganz zeigen sie das geheime Verst\u00e4ndnis zwischen den Kindern.<\/p>\n<p>Eine \u201catmosph\u00e4rische Komposition aus Sprache, Musik, Bild und Spiel\u201c nennt Overkamp seine Dramatisierung. Die leere B\u00fchne wird von dreieckig aufgespannten Leinw\u00e4nden nach hinten abgeschlossen, eine abstrakte Landschaft als Projektionsfl\u00e4che &#8221; in doppelter Hinsicht. Denn neben zwei Mikrofonen, mit denen Ger\u00e4usche produziert werden, ist eine digitale Videokamera Hauptrequisit der Auff\u00fchrung. Mit ihr werden auf der B\u00fchne sichtbar Bilder hergestellt, die phantasievoll Schaupl\u00e4tze und Seelenzust\u00e4nde andeuten. Der Einblick in die Verfertigung der Illusion zerst\u00f6rt diese \u00fcbrigens nicht, sondern scheint sie f\u00fcr das junge Publikum eher zu verst\u00e4rken. Dazu gibt es immer wieder ausgelassene, sehr sinnlich aufbereitete Spiele zwischen den Geschwistern, etwa Kissen- und Schaum- und Marmeladenschlachten, die den Protest des erwachsenen Ordnungssinns fast provokativ herausfordern.<\/p>\n<p>Gegen diese raumgreifende K\u00f6rperlichkeit setzt Overkamp nachdenkliche Passagen, in denen Musik ein wenig aufdringlich zur emotionalen Verst\u00e4rkung eingesetzt wird. Der \u201cDepri-Faktor\u201c dieser Szenen erreicht vor allem die \u00e4lteren Zuschauer. Ist es nicht schrecklich, wenn sich ein erst vierj\u00e4hriger Junge \u201callein\u201c f\u00fchlt auf der Welt, wenn er seine Mutter nur als Instanz der Einengung seiner Freiheit wahrnimmt (und sie ihn vor allem als Aufgabe)? Ist das nicht traurig? \u201cNicht sehr.\u201c antwortet ein siebenj\u00e4hriges M\u00e4dchen nach kurzem \u00dcberlegen und l\u00e4chelt. So ist das wohl.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,Helvetica,Geneva,Sans-serif,sans-serif\"><strong>Online Kurzkritik in: Die Deutsche B\u00fchne vom 14.05.2012<\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder sehen anders als Erwachsene. Sehr anders. Sie verstehen andere Dinge und viele Dinge anders. Sie finden andere Dinge wichtig. Genau darum geht es in der Urauff\u00fchrung \u201cSchwester\u201c der Dramatisierung eines Bilderbuches des Erfolgsautors Jon Fosse. Thema sind die unterschiedlichen Erlebniswelten von Kindern und Erwachsenen. 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