{"id":782,"date":"2012-08-31T21:50:53","date_gmt":"2012-08-31T19:50:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=782"},"modified":"2012-08-31T22:04:11","modified_gmt":"2012-08-31T20:04:11","slug":"verwunschenes-land-jon-fosses-schwester-im-theater-marabu","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hannah-biedermann.de\/?page_id=782","title":{"rendered":"Verwunschenes Land &#8211; Jon Fosses &#8220;Schwester&#8221; im Theater Marabu"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Welt ist anders. Klein ist gro\u00df und gro\u00df ist klein. Gefahr eine Lust und Sch\u00f6nheit ein Abgrund. In den Augen eines Kindes kann eine Wiese zur unendlichen Weite wachsen, ein Fjord zum riesigen Ozean anschwellen &#8221; oder ein Haus zur engsten Kammer schrumpfen. Der norwegische Autor Jon Fosse hat diese und noch viel mehr Varianten der Wahrnehmung in seinem Kinderbuch \u201cSchwester\u201c aus der Sicht eines vierj\u00e4hrigen Jungen beschrieben.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick, der f\u00fcr Erwachsene zun\u00e4chst fremd anmutet, aber in der Inszenierung des Theater Marabu f\u00fcr Kinder ab f\u00fcnf Jahren so nat\u00fcrlich wie der morgendliche Wind in den Gr\u00e4sern ist. Fosses karge, aber behutsam eindringliche Schilderungen und freie Assoziationen eines kleinen Jungen verdichten sich auf der B\u00fchne zu einer unwiderstehlichen und ber\u00fchrend bunten Melange aus Bildern und Kl\u00e4ngen, die Klein und Gro\u00df gleicherma\u00dfen fesseln. Unter der Regie von Claus Overkamp entwickelt sich eine traumgleiche Folge von Bildern aus dem Leben des Jungen und seiner Schwester. Passagen aus Fosses Text werden wie Wegweiser durch ein kleines Wunderland eingesetzt, in dem die Logik, Regeln und Gefahren der Erwachsenenwelt wie Wetterleuchten am fernen Horizont aufblitzen. Grasb\u00fcschel werden zu wogenden Wellen und Wassersch\u00fcsseln zur rauschenden Meeresbucht.<\/p>\n<p>Die Schauspieler Hannah Biedermann und Philipp Schlomm laufen mit vor kindlichem Staunen weit aufgerissenen Augen durch die wei\u00dfen Leinwandberge des B\u00fchnenbilds (Tina J\u00fccker und Regina R\u00f6sing). Mit Kamera und Mikrofonen entzaubern sie die scheinbare Bekanntheit der Dinge und K\u00f6rper, vergr\u00f6\u00dfern Augen und F\u00fc\u00dfe in surrealistischer oder eben einfach nur kindlicher Art zu riesigen poetischen Bildern, die von den Bergen wie Spiegelungen eines fremden Himmels widerscheinen.<\/p>\n<p>Doch das schier endlose Reich der Phantasie findet seine Grenzen stets dort, wo die Erwachsenen ins Spiel kommen. Die Geschwister von Biedermann und Schlomm flattern mit \u00fcberbordender Gestik und Mimik wie junge V\u00f6gel durch B\u00e4ume, Str\u00e4ucher und Wiesen, die wie von einer anderen Welt scheinen, bis der dicke Mann schnaufend im Wald auftaucht. Seine Erscheinung ist so gewaltig, dass der Junge sich vorstellt, in seinen Bauch hineinpassen zu k\u00f6nnen, und sofort flammen in den K\u00f6pfen der Erwachsenen die Alarmzeichen auf. Doch die Angst fliegt vor\u00fcber wie ein aufgeschreckter Falter in dieser wunderbaren Inszenierung, die eine Welt ins Bild setzt, so verwunschen wie geheimnisvoll und eben anders.<\/p>\n<p><strong>Schn\u00fcss, Bonner Stadtmagazin, September 2012<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist anders. Klein ist gro\u00df und gro\u00df ist klein. Gefahr eine Lust und Sch\u00f6nheit ein Abgrund. 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